Samstag, 4. February 2012, 17:28:59 Uhr














27. Oktober 2009, 21:13

Feierabend

Ein paar Gedanken in Ruhe

Irgendwann hast du einfach genug, obwohl es für dich in Sachen Arbeit keine Sättigung gibt. Doch es zieht dich wie automatisch hinaus - hinau in die Natur, zu deinen Bäumen, deinen Bergen und deinen stillen Orten. Hier oben kannst du allein, ja ganz allein für dich sein. Ein Bänklein von wo du eine herrliche Aussicht übers gesamte Zürcher Oberland hast und einen Weitblick bis ganz zuhinderst den Glarner Alpen, verschweig den noch, du hast wenn du geradeaus siehst die grosse Pracht der Berner Oberländer Alpen vor dir.

Brüttisellen, 27.10.09 (mk) Entspannt und im rasanten Schritt, renn ich von Orn zum Bachtel hinauf. Der Hund immer voraus - ich in Windeseile hinterher. Die friedlichen Wanderer staunen nicht schlecht als einer so den Berg hinauf geschossen kommt. Für mich ist es Entspannung - ein bisschen Fitness und eine Anregung für meine Gedankengänge. Auf den knapp zwanzig Minuten hinauf zum Aussichtspunkt im Zürcher Oberland hat Larry natürlich unzählige Leute begrüsst. Seine Opfer müssen ihn nur anschauen und schon beginnt er mit seinem Ringelschwanz zu wedeln und lässt sich anschliessend verwöhnen. Muss das schön sein.

So beim gehen kann man so herrlich meditieren. Jeder Schritt lässt mir jedenfalls einen Gedanken durchgehen. Da kann ich über verschiedenstens nachdenken und mich auch auf neue Taten vorbereiten und einschwören.

Auch wenn ich mindestens schon fünfzig Mal hier oben war, ist es jedenfalls immer wieder ein Highlight auf meinem Hausberg zu sein. Schliesslich bin ich ja weiter unten, am Fuss des Bachtels, genau in Tann - Dürnten aufgewachsen, zur Schule gegangen. Ich habe da meine ganze Jugend verbracht. Und manchmal kommt auch ein bisschen Wehmut auf. Ich erinnere mich an unser altes Vierfamilienhaus. Dort wo schon meine Grosseltern gelebt hatten. Mein Vater hat es in den Sechzigern um- und ausgebaut. Dennoch hatte der Satz aus Anne Bäbi Yowägers festen Bestandteil darin:" Was nützt ein sturmfreier Schlag, wänn T'schtägä (Holztreppe) giered. (quitscht)

Doch so schau ich vom Bachtel hinunter nach Tann. Weit unten liegt es vierhundert Höhenmeter tiefer. Friedlich und still. Da war es noch anders, als wir Jungs durch die Tannackerstrasse zogen. Da lief noch was - ehrlich. Oder wenn wir in der Sekundarschule dem Milchmann sein Elektrofahrzeug an einen Baum banden - und von weit weg zuschauten, wie er wegfahren wollte, dann ausstieg und mit hochrotem Kopf nach den bösen Buben Ausschau hielt.

Ja böse Buben waren wir. Wir hatten im tiefen Keller unseres Hauses einen grossen leeren Keller. Hier schrieben wir mit grossen Buchstaben an die Wände:"Der böse Buben Club." So bös waren wir aber nicht. Ausser den paar Streichen. So machten wir damals Musik im Keller - grauenhafte. Und ich vergesse es bis heute nicht, da war einer, der wollte immer singen und dass man ihn sah und hörte stieg er auf eine Leiter, die dort an der Wand lehnte. Er sang, sang und sang - falsch und hässlich. Doch ein Wunder geschah während eines seiner Intermezzos. Auf einmal war er nicht mehr auf der Leiter. Er sang noch Yeah, Yeah, Yeah ..... und sauste im gleichen Moment hinunter. Das Lachen von damals höre ich noch immer. Wir konnten uns kaum mehr erholen. Das Geräusch war trotz des Gittarren und Schlagzeug Kraches nicht zu überhören. Etwa so, als lade einer sein Maschinengewehr durch. Zuerst staunen, dann Entsetzen und dann Lachen - nein Gröllen und ich habe mich eine Woche nicht mehr erholen können. Jedenfalls waren wir alle von diesem Abend an, von der Folter erlöst. Der selbsternannte Sänger kam nicht mehr.

Das Haus, dass ich später verkauft habe - hatte Stil und Klasse. Schade. Es ist mir jetzt einfach so beim laufen in den Sinn gekommen. Wenn ich an der frischen Natur bin, so quellt es nur so an Ideen. Ich könnte die ganze Welt verzaubern. Hier ist das Glück - hier ist das Land - die Hügel - der Bachtel einfach alles.

Zum Leben braucht man nicht viel. Geld schon gar nicht. Ja klar, für die Wohnung, das Essen - ein bisschen. Aber Luxus? Den braucht man ehrlich gesagt nicht so - wie wir in alle kennen. Zufrieden kann man auch mit einfachen Mitteln sein. Das Herz - die Gefühle im Herzen müssen stimmen. Wenn Dir die innere Stimme sagt, ich mag dich - dann geht es mir sau gut. Das zu spüren, zu erleben und ab und zu mit Freunden zu teilen, darüber zu reden - dass ist das Lebenselexier, dass man, oder wenigstens ich brauche.

Aber wie gesagt, solche Gedanken kommen nur auf dem Bachtel oder bei einer Gehmeditation, wie ich sie pflege. Nach dem letzten Wochenende bin ich wieder einmal geschafft. Für meine Reportagen lebe und gebe ich jedesmal alles und das schafft mich den schon ein bisschen. Ich will nicht klagen, denn meine Arbeit möchte ich nicht missen. Ich liebe sie. Es ist das Schönste, das Herzensbetonste, was ich je gemacht habe. In meinem Herzen sind tausende von Sportlern, die ich bewundere, die mir aber auch sehr viel zurückgeben. Ob es jetzt der Erste, die Erste oder die Letzten sind, da mache ich keinen Unterschied. Sie gehören alle zu mir.

So, jetzt sitze ich da auf einem Bänklein und versuche ein schönes Foto von der Landschaft zu machen. Doch das Licht ist nicht gut. Es ist dunstig. Schade. Larry kugelt den Hang hinunter, rennt wieder hinauf und kugelt wieder hinunter. Auf dem Rücken liegend, zappelt er - ihm ist wohl,
mir auch.

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