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20. Oktober 2008, 12:51

Der Alte, der den Jungen noch immer weh macht!

Interview mit Bruno Risi

Die 6-Tagerennen sind schon oft totgesagt worden. Doch sie haben alle pessimistischen Propheten überlebt. Der von der Vereinigung der Winterbahnen (UIV) publizierte Kalender umfasst für die Saison 2008|09 mit 16 sogar deutlich mehr Rennen als in den zurückliegenden Jahren. Eigentlich sind es sogar deren 17, aber der Veranstalter von Grenoble ist nicht UIV-Mitglied und wird darum im offiziellen Kalender nicht aufgeführt.

Brüttisellen (mk) Risi plant, die wegen Überschneidungen von Daten mögliche Höchstzahl von 14 Rennen zu bestreiten. Sein Standardpartner wird wie in den beiden vorangegangenen Saisons Franco Marvulli sein. Die zürcherisch-urnerische Sechstage-Ehe ist am Olympiadebakel von Peking, wo das zu den Favoriten gezählte Duo wegen der Indisposition von Marvulli nur den 11. Platz belegte, also nicht zerbrochen. Risi gab sich damals in der Öffentlichkeit abgeklärt und sportsmännisch. Man gewinne als Team, aber man verliere auch als Team, lautete sein Tenor. «Wir sind Männer und keine Waschweiber. Wir haben zusammen den Fall besprochen und dann abgehakt», sagt Risi heute. Aber dass seine Enttäuschung riesig war, das verhehlt er nicht: «Nicht das Resultat an sich war es, sondern wie es dazu gekommen ist. Ich hatte die Schnauze voll. Zum guten Glück habe ich meine Familie als Inseli, wo ich wieder auftanken und Abstand gewinnen konnte.»

Bruno Risi startet am 20. Oktober zwar in seine bereits 18. Winterbahnsaison, aber für Risi/Marvulli, das erfolgreichste Sechstagepaar der beiden letzten Jahre, ist es das Rennen 1 nach Peking und damit in gewissem Sinn auch ein Neustart.

Das 52. Zürcher 6-Tagerennen findet vom 11. bis zum 16. Dezember im Hallenstadion Zürich statt.


Interview mit dem 40-jährige Urner Bruno Risi. Er ist mit 56 Siegen, davon 9 im Zürcher Hallenstadion,
der mit Abstand erfolgreichste Schweizer in der über 100-jährigen Geschichte der Sechstagerennen.

«Es kribbelt noch immer im Bauch»

Bruno Risi, gibt es da noch Emotionen oder ist im Laufe so vieler Jahre alles zur Routine geworden?

«Vieles ist Routine geworden, klar. Aber Emotionen sind deshalb nicht verschwunden. Der Abschied von der
Familie fällt immer schwer, weil es meist eine Trennung für längere Zeit bedeutet. Aber wenn ich die Halle
betrete, kribbelt es wieder im Bauch, kommt das Wettkampffieber wie eh und je zurück. Ich liebe die
Sechstagerennen. Sie beinhalten alles, was aus einem Anlass einen Event macht: Sport, Show,
Unterhaltung, Gastronomie. Auch als Fahrer, der sich auf der Piste abplagen muss, habe ich den Plausch,
hier dabei sein zu können.»

Die Sechstagerennen wurden schon oft totgesagt. Sie haben alle pessimistischen Propheten überlebt. Der offizielle Kalender für diesen Winter umfasst 16 Rennen, so viele, wie schon lange nicht mehr. Wieviele werden Sie bestreiten?

«Sofern die Gesundheit mitspielt, werde ich alle 14 Rennen fahren, die auf Grund von zwei DatumÜberschneidungen
möglich sind.» Die Rennen folgen sich Schlag auf Schlag, die athletischen Ansprüche an die Fahrer sind sehr hoch.

Kann man da jedes Rennen voll fahren oder setzt man Schwerpunkte?

«Es gibt Rennen, die man von ihrem Prestige her unbedingt gewinnen will, bei andern schaut man erst, wie es einem selber und der Konkurrenz läuft. Zur erstgenannten Kategorie gehören natürlich das Heimrennen
im Hallenstadion vom 11.-16. Dezember, aber zuvor auch Dortmund und München und danach Bremen und
Berlin.»

Ihr Standartpartner ist seit zwei Jahren Franco Marvulli. Wird das auch in diesem Winter so sein?

«Das wird so sein, jedenfalls habe ich bisher weder von Manager Patrick Sercu noch von einem Veranstalter
anderslautende Wünsche gehört. Und sollte dies der Fall sein, dann würde ich mich zuerst mit Franco
absprechen, bevor ich unterschreiben würde.»

Es gibt Stimmen, die behaupten, es wäre für die Zukunft des Zürcher Sechstagerennens von Vorteil, wenn Sie und Marvulli getrennt und mit einem jungen Schweizer gepaart würden, um diesem die Chance zu geben, sich im Sechstagegeschäft zu etablieren.

«Von dieser Idee halte ich gar nichts. Erstens sind Risi/Marvulli zu einem Begriff geworden für das Publikum
und ein Paar, mit dem sich die Fans identifizieren können. Zweitens würden uns dann die starken ausländischen Paare um die Ohren fahren und das können wir uns im Hallenstadion nicht leisten.»

Aus diesen Worten ist zu schliessen, dass durch das olympische Debakel von Peking, verursacht
durch die Indisposition von Franco, die Sechstage-Ehe Risi/Marvulli nicht in Brüche gegangen ist.

«Das war für mich eine riesige Enttäuschung. Aber wir sind Männer und keine Waschweiber. Wir haben den
Fall besprochen und dann abgehakt. Aber ich verhehle nicht, dass ich einige Zeit brauchte, um darüber hinweg zu kommen. Ich hatte die Schnauze voll. Zum Glück habe ich ein Inseli, nämlich meine Familie, dank der ich wieder die nötige Distanz zur ganzen Geschichte gewinnen konnte.»
Die Markenzeichen von Bruno Risi als Sechstagefahrer sind der explosive Antritt, mit der Sie wie ein Pfeil aus dem Feld schiessen können und danach die Tretfrequenz von bis zu 150 Pedalumdrehungen pro Minute, dank der Sie das 'Loch' ausbauen.

Wie haben Sie es geschafft, diese Spritzigkeit bis in den Spätherbst Ihrer Karriere zu bewahren?

«Vorweg muss ich sagen, dass ich in den reinen Sprints langsamer geworden bin. Für den Rest: Das wurde
mir als Talent in die Wiege gelegt. Dafür bin ich dankbar, aber ich hege und pflege es auch. Trainieren heisst
für mich nicht, mit dem Velo ausfahren, sondern konzentrierte Arbeit von der ersten bis zu letzten Minute.
Kürzlich habe ich von Iljo Keisse, einem der grössten Rivalen, ein Kompliment bekommen, das mich riesig
gefreut hat. Er sagte. Du bist zwar der Alte im Feld, aber du tust uns Jungen noch immer weh und machst
uns leiden.»

(Interview: Jürg Casanova)

Sechstagerennen Zürich 2007

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