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Laryssa Lenz

18. Februar 2011, 03:31

Ich wandere im Nichts

Schweissgebadet wache ich auf. Wo bin ich? Es ist furchtbar dunkel - ja fürchterlich schwarz. Dunkler könnte es nicht sein. Ich sehe nichts. Bin ich blind? Meine Gedanken wühlen mich auf - was ist geschehen? Ich seh nur noch die roten Lichter des Zuges in der Nacht verschwinden - es ist wieder dunkel - dunkel ohne Licht.

Brüttisellen, 18.2.11 mk (mk) Ich bin mir sicher, ich bin nicht der Einzige der in diesen Minuten aufgewacht ist. Mitten in der Nacht - mit Gedanken des Schreckens. Wir fürchterlich muss es sein, wenn man sich mitten im Krieg befindet. Oder wie bitter muss es sein, wenn man für die Freiheit kämpft - nicht mit Worten sondern mit Waffen zurückgeschlagen wird. Niemand mit einem diskutiert, spricht und zuhört. Anstatt zu reden, nimmt er das Gewehr. Um Politik durchzuwängen, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Die Erste ist die Drohung - die zweite die Vernichtung. Wenn Politiker zu reden beginnen, kommt meistens bald die Drohung. Hier im Westen in Europa wird meistens nur gedroht. Doch auch wir in der Schweiz gehen über Drohungen hinaus - auch wir oder besser gesagt die Politiker verstehen es nicht mehr zu reden. Es wird scharf geschossen. Glück haben wir, dass auf uns mit Gummigeschossen geschossen wird - doch im Grunde ist es nichts anderes als ein Akt der Verzweiflung - weil wir (die Politik) nicht mehr in der Lage ist zu reden.

Wir lenken von den eigenen Problemen ab und zeigen die Verzweiflungstaten aus Bahrain, aus Tunesien, aus Aegypten oder aus Lybien. Eigentlich kommt das uns gerade recht um von unseren eigenen Problemen abzulenken. Die Zeitungen schreiben lieber über Volksaufstände in der fernen Welt, als über Probleme im eigenen Land. Ja klar, uns den Bürgern der weltbekannten Helvetia geht es blendend - so blendend, dass wir unsere Probleme im eigenen Land unter den Tisch wischen. Wir sind gewandte Redekünstler, bewegen uns und beissen wie Klapperschlangen - wir sind eben Schweizer! Und selbst Politiker mit rotem Wappen auf der Brust streben neuestens die Politik gegen die "verdammten" Ausländer an. Die rechte Seite gewinnt ja Woche für Woche mit dieser Scheinmentalität dazu. Also machen wir es gleich. Wir nehmen aber dazu im Unterschied zu den Hardlinern, die sogenannten Reichen aufs Korn. Nur, wer ist reich? Der mit dem dicken Portmonaie oder der mit den Gefühlen und der Ehrlichkeit in der Brust? Im Grunde genommen spielt das ja überhaupt keine Rolle - Hauptsache, auch wir wehren uns gegen Ausländer - Hauptsache auch unsere Partei zeigt Bekennung.

Am liebsten sehen wir in der Schweiz über die eigenen Probleme hinweg, zeigen uns staatsmännisch von der allerbesten Seite. Bei uns ist ja alles bestens geregelt. Bei uns funktioniert alles - alles? Ja, es funktioniert - vom anderen reden wir Schweizer nicht. Müssten wir nicht auch erzählen, dass am 1. März 2011 gegen 20'000 Menschen ausgesteuert werden. Dass am 1. März 2011, 20'000 Menschen neu zu Sozialbezügern werden mit Gefahr in der Armut zu enden? Müssten wir nicht auch sagen, dass wir es nicht fertig gebracht haben diesen Menschen zu helfen? Müssten wir nicht sagen, dass wir diese 20'000 Menschen sinnlos in Kurse geschickt haben? In Kurse wo sie lernen sich zu bewerben anstatt diesen Menschen neuen Mut und eine neue Perspektive zu geben? Müssten wir nicht sagen, dass wir das Ganze nicht im Griff haben? Müssten wir nicht sagen, dass es uns eigentlich nicht interessiert was aus diesen Menschen wird? Müssten wir nicht sagen, dass wir nicht wissen wie wir das Ganze angehen müssen? Müssten wir nicht sagen, dass wir alles falsch gemacht haben?

Interessieren uns überhaupt diese Schicksaale? Um ehrlich zu sein - nein! Sie sind durch die Maschen des Netzes gefallen, also sind sie selber Schuld. Klar, so ehrlich sagen wir es nicht. Wir sprechen von den ausgezeichneten Bedingungen, die diese verwzeifelten Menschen geniessen dürfen. Wir sprechen von Unterstützungskursen, die diese Menschen besuchen dürfen - wir sprechen aber nicht, dass es in diesen Kursen zum Gähnen langweilig ist. Warum nicht? Wieso akzeptieren wir eine immer grösser werdende Unzufriedenheit im Volk?

Wir betreiben aber auch einen Gesundheitsapparat der mittlerweile Dimensionen angenommen hat, wo wir selbst nicht mehr den Durchblick haben. Wir haben Psychologen und Psychiater und mindesten 100 verschiedene Fachrichtungen in diesen Berufen dazu. Müssten wir, die Politiker nicht erst selbst solch Institutionen besuchen, bevor wir das sich immer schneller werdende Leistungskarussel als einmalig bezeichnen und für alles und Alle endlich eine Lösung haben?

Wir loben unsere Versicherungen und unsere Schulen. Müsste es uns nicht stutzig machen, dass wir im Schulwesen in Europa nicht an erster Stelle stehen. Wieso loben wir dann uns so sehr. Eigenlob stinkt! Und genau da liegt der Hase begraben. Wieso wird an unseren Schulen immer noch nach einem mittelalterlichen System unterrichtet? Wieso suchen wir verzweifelt nach Lehrkräften? Sagen aber nicht, dass hunderte dieser Menschen (Lehrer) im Schulsystem zu Grunde gehen, ausgepumpt und in einem Burnout enden? Wieso sagen wir nicht, dass hunderte Lehrer und Lehrerinnen gemobbt werden? Von der eigenen Schulbehörde? Wieso sagen wir nicht, dass unsere Lehrkräft nicht frei sind? Wieso sagen wir nicht, dass wir unsere Kinder die in die Schule gehen zurückgebunden werden? Wieso gehen wir nicht auf lernlangsamere Kinder ein? Wieso brauchen wir Psychologen und Schulberater für unsere Kinder? Die Antwort ist leicht - weil wir als Staat kläglich versagt haben, eine vernünftige Schule zu entwickeln. Weil wir den Lehrer nicht zutrauen frei und selbständig zu unterrichten. Weil auch da, Politik wichtiger ist als lernen. Und Politiker müssen ja den in Massen produzierten Psychologen Arbeit verschaffen um unser künstlich aufgebautes Sozialsystem mit Arbeit und Arbeitsplätzen zu versorgen. Wie das geht ist doch ganz einfach, man setzt die Messlatte (zu) hoch an und als Resultat hat man Schwache und Hilflose. Für diese hat man dann die Psychologen parat. Der Kreis ist geschlossen. Müsste es uns nicht nachdenklich stimmen, dass wir Weltweit in der reichen Schweiz nicht die besten Schüler haben? Wir haben es immer noch nicht fertig gebracht unseren Schulen Freiheit zu geben, den Lehrkräften Freiheit zu geben, Kreativität entstehen zu lassen und unseren Lehrern und Lehrerinnen die Freiheit zu lassen, die Kinder gemeinsam zum Erfolg zu bringen. Haben wir noch nie von "Gemeinsam sind wir stark" gehört?

Ich hätte da eine Idee. Machen wir eine Schule in die jeder Politiker vor der Ausübung seines Amtes gehen müsste und lernen müsste, wie man mit Menschen umgeht und erst dann seines Amtes walten dürfte. Als Spezialfach würde ich dann vorschlagen - Wie lernen unsere Kinder in unseren Schulen! - Und genau so unsere schwächeren Politiker zu Psychologen und Heilpädagogen in den Stützunterricht schicken, damit sie endlich sehen und auch wissen, was der Satz heisst "Gemeinsam sind wir stark". Wollen wir überhaupt Gemeinsamkeit? Und selbstverständlich müssten die Politiker auch eine Zeitlang von Lehrern unterrichtet werden, die die Ungerechtigkeit ihrer Vorgänger der Herren Politiker oder noch Amtsinhaber erdulden mussten. Gemobbt wurden, gedemütig wurden. Würde das helfen? Würden sich die Politiker wehren oder auch alles über sich ergehen lassen wie die vielen hundert Burnout gefährdeten Lehrkräfte, denen die Vorgänger der Politiker jede Freiheit und Kreativität genommen haben?

Gut, dass es nur Alpträume waren - wäre ja schrecklich wenn es wirklich so zugehen würde - oder ist es etwa die Wirklichkeit? Ich bin noch etwas verwirrt. Nein, so kann es bei uns in der Schweiz nicht sein. Wir sind das Vorzeigeland - wir zeigen uns ja auch mit Stolz so überall. Ich nehme ein Schluck Cola und spüle die bösen Gedanken hinunter - das Schweizerkreuz ist wunderschön, vielleicht kann ich jetzt schlafen - ich liebe meine Heimat.

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