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22. August 2011, 22:09
Der alte Mann und das Rendevouz
Ich traf ihn meistens am Morgen beim Selectaautomaten. Auf dem Campingplatz gefiel es ihm, doch man merkte es, er war einsam. Er war dennoch immer gut gelaunt und in all den vielen Gesprächen, die er mit dem Becher Kaffee in der Hand erzählte, habe ich auch erfahren, dass seine Frau vor einigen Jahren gestorben war. Auf dem Campingplatz. Ja, der Statthalter sei gekommen, um zu sehen, dass alles mit dem Tod o.k sei. Die Polizei, der Staatsanwalt und weitere Herren. Ohne zu fragen, hat er mir das erzählt. Geblieben ist er aber trotzdem mitten im Wald, auf dem schönen Campingplatz, da wo er vor seinem Wohnwagen ein Holzhäuschen gebaut hat. Und jetz? Ja, jetzt geht er, er habe genug da oben das ganze Jahr über gelebt. Er strahlt dabei. Dahinter steht aber eine ganz besondere Geschichte.
Zürich, 22.8.11 mk (mk) Er war immer nett. Oft hat er mir von seinen Reisen erzählt, die er tagtäglich unternahm. Er hatte das Generalabonement 2.Klasse der SBB. 1.Klasse sei zu teuer und er möchte auch gemütlich sitzen und mit den Menschen reden. Das Postauto, auf das er immer wartete, fahre zwar nicht auf seinen Zug. Er nehme immer den Zweiten. Hier habe es mehr Platz. Und, für die Zeit die er zur Verfügung habe, gäbe es im Bahnhöfli einen feinen Kaffe Schnaps.
Er erzählte mir oft von den feinen Glarner Würsten, die er immer am Märt im Hauptbahnhof kaufte. Nur die, vom Glarner, die seien die Echten. Meisten ging er nach Wil SG zum Einkaufen, er musste eine Beziehung zu diesem Ort haben. Ja, es liege halt alles schön beisammen und mit seinem Wägelchen, das er immer bei sich hatte, könne er auch schön durch den Coop oder die Migros fahren.
Manchmal erzählte er auch, dass es halt sehr langweilig so alleine auf dem Platz ist. Er grüsste mich aber immer freundlich beim Vorbeigehen und war immer für einen Schwatz gut.
Irgendwann im Mai, traf ich ihn beim Kaffeeautomaten. Er sagte, er müsse heute nach Winterthur, er habe jemanden zum Essen eingeladen. Sie könne nicht mehr so gut laufen, er habe aber mit ihr stundenlang im Kaffee geredet. Sie hätten sich wunderbar verstanden. Ja, er sei halt schon 72. Sie sei ein paar Jahre älter. Er war nicht wieder zu erkennen. Er blühte förmlich auf, war er verliebt?`Jedenfalls gingen von nun an seine Fahrten nicht mehr nach Wil, sondern nur noch bis Winterthur.
Er erzählte von der feinen Pizzeria, wo es die grössten Wienerschnitzel der Region gäbe. Sie seien dort essen gegangen, es wäre günstig gewesen, ja, zusammen habe ich nur knapp fünfzig Franken bezahlt, und dies alles inbegriffen, Dessert, Kaffee etc.
Wenn er jetzt abends den Berg rauf marschiert kam, vorbei an meinem Wohnwagen ging, so strahlte er so fest wie ein Maikäfer. Wir redeten meistens ein Weilchen, so erfuhr ich mittlerweile alles über die Winterthurer Gourmets und seine Restaurants.
Er meinte dann auch so nebenbei, lange möchte er so kalte Winter nicht mehr mitten in der Natur verbringen. Die wären nicht nur einsam, sondern auch langweilig. Was es auf sich hatte, erfuhr ich einen Monat später.
Heute ist der alte Mann wieder strahlend an mir vorbei gegangen. Hallo, hat er gerufen. Auf den 1. Oktober breche ich meine Zelte ab, ich ziehe zu meiner Bekanntschaft in die Stadt!
Diese wunderbare Geschichte hat mir gezeigt, dass man auch im Alter noch glücklich werden kann, vorausgesetzt man will es. Zwei Menschen haben sich gefunden, gefunden mit ähnlichem Schicksal, gefunden um die weiteren Jahre miteinander zu verbringen. Dieses Erlebnis macht mich ebenfalls glücklich. Es zeigt, dass Liebe keine Grenzen kennt, dass Liebe sogar Grenzen sprengt. Die Geschichte macht auch Mut. Mut, den viele im Alter nicht mehr haben, Mut etwas Neues zu beginnen - zu spät ist es niemals!
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