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Laryssa Lenz

21. September 2011, 08:15

Träume in der Nacht

Ich sitze weit oben auf dem Berg. Es ist 0100 Uhr, mitten in der Nacht. Es ist still, nur von Weitem hör ich die Stimmen aus der nahen Hütte. Die Franzosen, Italiener, Amerikaner und Kanadier diskutieren. Was mach ich eigentlich hier draussen? Ich warte auf den einsamen Läufer, der vielleicht bald hier oben durchrennt. Er wird frieren, sich in der Hütte etwas zu Essen holen, sich wärmen, oder vielleicht auch ohne ein Wort weiter rennen, weiter hinunter ins Tal. Die Sterne leuchten hell und klar, der Mond scheint in seiner vollen Grösse, es ist wirklich still, still wie auf dem wunderschönen Friedhof, den ich gestern Abend vor dem Einnachten gesehen habe.

Zürich, 19.9.11 mk (mk) Wenn ich hinunterblicke, wo normalerweise bei Tageslicht ein Bergpfad ist, ein Bergpfad mit unzähligen Windungen. Er führt ja schliesslich hinauf auf 3000 Meter. Es ist still, wirklich still. Kein Licht, wenn ich hinunterblicke. Sie sollten doch kommen oder nicht? Es sind bereits Stunden vergangen, seit die letzten Läufer vorbeizogen. Klar, es war die Ersten. Die haben hier oben nicht lange gefackelt, sie sind einfach weitergerannt, weitergerannt Richtung Tal. Natürlich auf der anderen Seite.

Doch jetzt sollten die kommen, die es etwas gemütlicher nehmen oder gezwungenermassen nicht mit den Besten mithalten können. Doch es ist still. Nur kalt ist es. Ich schaue auf das Thermometer, das an der Hütte hängt. Was! Minus -3°C. Sau kalt, saumässig kalt. Wieso habe ich eigentlich meine Handschuhe nicht angezogen? Wieso ist meine Gore Tex Jacke offen? Was mache ich überhaupt hier draussen?

Kein Läufer nichts. Ich warte. Ich schaue ab und zu hinunter. Nichts. Kein Geräusch, ganz einfach nichts. Ich setz mich auf den grossen Stein. In der Nacht darf ich das. Obwohl mir meine Dolmetscherin am Tag erklärt hat, dass es in diesem Gebiet Giftschlangen gibt und man sich besser nicht an Steinen festhält. Die Vipern seien nur klein, aber leider giftig. Man sehe sie erst, wenn sie einem gebissen haben. Dies passiere aber nur wenn man in den Steinen herumwühlt. Klar es gebe auch grössere Schlangen. Die seien aber harmlos, hat sie noch gesagt.

Gut um diese Zeit werden die ja wohl auch schlafen. So habe ich das gedacht. Also setze ich mich auf die Steine. Bewaffnet mit meiner Stirnlampe laufe ich auf dem eingen Plateau umher und warte....auf die Läufer. Ich bin durchfroren und möchte schlafen gehen. Kein Läufer in Sicht, nur dunkle Nacht. Da, ich höre was, was ist das? Ich weiss es nicht. Es ist wieder still.

Weit unten sehe ich aufeinmal Lichter. Viele kleine Lichter die langsam, aber nur langsam, an Höhe gewinnen. Die haben noch mindestens 3 Stunden, bis sie oben sind, sagt plötzlich eine tiefe Stimme hinter mir. Es ist Paul. Ich bin zu Tode erschrocken. Der Kanadier ist eine wirklich freundliche Ausgabe aus Übersee. Wir gehen in die Hütte und essen was. Komm!

Ich habe nicht gemerkt, dass ich so zittere. Die Kälte hat mir arg zugesetzt. Ich lege mich im Schlafraum in der Hütte hin. Schlüpfe in meinen Schlafsack und wärme mich. Drei Stunden haben die noch? Mit diesem Satz schlafe ich ein. Ich träume von Läufern, vom Mond und von einem Helikopter, der jeden Einzelnen nach oben bringt.

Es sind schon harte Männer, die da durch die Nacht und auch den Tag rennen. Ich träume vom Pfad, den ich gestern in fünf Stunden hinaufgeschritten bin. Ich träume. Wo sind bloss die Läufer?

Ich wache auf. Hinter den Bergen kommt die Sonne hervor. Ganz langsam sagt sie Guten Tag. Wo sind die Läufer? Das frage ich mich. Ein Stimme ruft: Hast du gut geschlafen?

Sie sind durch. Wenigstens die, die in der Nacht über den Pass kamen. Ich wollte sie fragen, wollte sie begrüssen, ihnen Mut machen.

Jetzt trinke ich einen Kaffee. Ich bin leicht verärgert. Doch die Sonne, die zwischen den Fensterläden der warmen Hütte durchscheint, wärmt mein Herz auf. Ich werde sie schon noch sehen.

Der Tag beginnt und sie kommen in Scharen. Die Läufer, einem nach dem anderen. Wo war ich in der Nacht?

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